christian rois ist auf urlaub…

with special greetings to: Charly (Gratulation zum Ligretto Triumph!), Esther (Danke!), Esther (Tu me manques!), Tino (Gratulation zur goldenen Schallplatte) und den netten Japaner aus dem Zug, der mir von Salzburg bis Innsbruck seine Fotosammlung japanischer Berggipfel vorführte!

original in mallorca

// internet-cafe bedingt gibt es diesmal keine umlaute. die gibt es nicht im fischer- und touristendorf porto cristo. nicht mal gegen aufpreis//

Ich bin in Mallorca. Nein – nicht dort wo der Ballermann ist. Am anderen Ende. Dort wo blaessliche, britische Seniorenbeine am Strand leuchte. Dort wo deutsche Mittfuenfziger unterdurchschnittliche Einsichten in unterdurchschnittlichen Touristenfallen-Bars ueberdurchschnittlich laut vertreten.

Fuehle mich mittlerweile wohl. Habe endlich eine Bar gefunden in der Touristen schlecht behandelt werden. Wo einem als Tourist feindselige Blicke bereits auf der Strasse klar machen, dass man nicht hierhergehoert. Wo einen der Kellner beim Bestellen mit gespielter Verzweiflung nicht versteht. Wo der Kellner mit „I want the bill, please“ mit ahnungslosem Gesichtsausdrucks alle mit ihm bekannten Bills (Clinton, Bill Cosby, Billie Idol,…) durchzugehen scheint und keine Regung zum kassieren zeigt.

Ich brauchte fast einen ganzen Tag bis ich diese Bar gefunden hatte. Es gibt sie ueberall wo es Touristen gibt. In Oesterreich sind es die versteckten Lokale irgendwo neben dem Skilift. Dort wo nur die Einheimischen hingehen. Die Skilehrer, die Liftwarte, die Kellnerinnen und Gemeindeangestellten. Meistens haben sie klingende Namen wie „schwarze Katze“, „Mausefalle“ oder „Rauchkuchl“. Man muss sie nur finden. Dort gibt es dann normale Preise, normale Menschen und vor allem: keine Touristen.

So sitze ich hier: mit einem Espresso um 1 €, kleine Haeppchen zwischen 1,50 und 2 € und weit und breit kein Tourist. Abgesehen von mir. Aber ich stehe unter der strengen Beobachtung des Barbesitzers, der angesichts meiner leidlichen Spanisch-Kenntnisse seine uebliche Masche nicht ueber die Schmerzgrenze treiben kann. In allen 26 anderen Bars des Doerfchens servieren gerade vier-bis fuenfsprachige Kellnerinnen „originale“ Tapas um 5,50 € von „original“ handgeschriebenen Speisekarten.

latschen im regen und eine galeere im werksaal

Urlaube scheinen in Bezug auf das Wetter nur zwei Entfaltungsmöglichkeiten zu haben: schön und grauslich. Ich habe dieses Jahr die Variante „grauslich“ ausprobiert. Ich war bisher überzeugt, dass schönes Wetter im Sommer in Österreich im Überfluss vorhanden sei. Deshalb führte mich mein Urlaub auf eine Berghütte. Ohne Laptop, ohne Handy und ohne Terminkalender. Leider aber auch nur mit einer Hose. Das machte hochalpine Abenteuer unmöglich. So saß ich abgesehen von zwei Spaziergängen zum nächstgelegenen Berggipfel a zwei Stunden tagelang fest auf der Hütte.

In meinem Gepäck war Abhilfe zu finden: ein Buch, das ich schon lange lesen wollte. „Gedächtnistraining“ geschrieben vom Gedächtnis-Weltrekordler persönlich. Ich werde älter. Meine grauen Zellen auch. Also: rechtzeitig vorbeugen und vielleicht auch etwas für mein eher lückenhaftes Namensgedächtnis tun. Dabei wende ich eigentlich schon langem Mnemo-Techniken an. Schon in meiner Schulzeit habe ich die „Loci-Methode“ geübt. Dabei werden Räumlichkeiten und Wege, die gut bekannt sind mit den Merkinhalten verknüpft. Nehmen wir an die Merkstrecke wäre der Weg von zu Hause zur Arbeit und die Aufgabe wäre der Einkaufszettel für einen kleinen Einkauf (Faschiertes, Bananen, Joghurt, Müsli). Dann würde man sich beispielsweise vorstellen, dass an der Türschnalle ein Kilo Faschiertes hängt, auf der Mülltonne vor dem Haus ein kleines Äffchen mit einer Banane sitzt, dann plötzlich ein riesiger Joghurt-See auf der Straße wäre und kurz darauf man über einen gewaltigen Berg aus Müsli klettern müßte.

Meine Gedächtnis-Wegstrecke in der Schulzeit war mein Schulgebäude. Als Schulsprecher kannte ich das Gebäude in- und auswendig, weil ich sehr oft von einer Klasse zur anderen wanderte. Also packte ich für meine Deutsch-Prüfungen einfach die Dichter in die verschiedenen Säle. Marie von Ebner-Eschenbach setzte ich etwa in den Physiksaal im ersten Stock neben der Treppe, in den Werksaal kam die „schwarze Galeere“ von Wilhelm Raabe und so weiter. Die meisten Werke und Autoren habe ich wieder vergessen, nur diese beiden bringe ich nicht mehr aus dem Kopf. Ich weiß nichts über Wilhelm Raabe und habe auch dieses Buch nie gelesen. Ich weiß nur, dass es in meinem mentalen Werksaal steht.

Dummerweise war auf der Alm tatsächlich wenig zu tun. Daher lernte ich die Austragungsorte von sämtlichen olympischen Sommerspielen auswendig. Wer weiß, ob ich je vergessen werde, dass die olympischen Sommerspiele 52 in Helsinki stattfanden oder 1932 und 1984 in Los Angeles? Vielleicht dann, wenn ich eines Tages doch die „schwarze Galeere“ lese, um sie so wenigstens irgendwie aus dem Werksaal zu bekommen?