landgraf dialoge II

Als ich wenig später wieder ins Landgraf komme, komme ich neben dem Tisch eines anderen Stammgasts zu sitzen. Es ist Samstag Nachmittag. Er hat zwei Zeitungen in Bearbeitung. Ich auch.

*raschel, raschel* von mir.

*raschel, raschel* von ihm.

*kopfschüttel* von mir. Ich wechsle die Zeitung.

Er wechselt die Zeitung

*raschel, raschel* von ihm.

*raschel, raschel* von mir.

Auswandern.“ kommt es vom Nebentisch.

Am Montag.“ antworte ich.

Am Montag.“ wiederholt er. Wir blicken uns wissend an.

Mehr Kommunikation braucht es im Landgraf nicht.

landgraf dialoge I

„Das Kaffeehaus war schon schon immer ein besonderer Ort“ so steht es schon in der Getränkekarte des Cafe Landgraf. Das Landgraf ist jedenfalls ein besonderer Ort für mich. Genau genommen so besonder, dass mich jede Volkszählung in Erklärungsnotstand bringt. Schließlich bin ich mir gar nicht so sicher, ob der „Mittelpunkt meiner Lebensinteressen“ tatsächlich meine Wohnung ist oder doch eher diese 200 m² auf dem Urfahraner Donau-Ufer.

Besonders ist wohl auch die Kommunikation, die dort gepflegt wird. Die eisernen Stammgäste verteidigen dort wehrhaft ihr Recht auf geruhsamen Kaffee-Genuss. Das gelingt meist recht gut. Außer in der Zeit des Urfahraner Jahrmarktes. Dann ist ganz Linz auf den Beinen und mancherlei leutseliges Volk wird auch in die ruhige Lagune des Cafe Landgraf gespült:

Am Nebentisch ein etwas korpulenterer Herr in Turnschuhen, Jean und dünner Sportjacke beim zweiten Weizen. Ich lese meine Zeitung (die Neue Zücher Zeitung), trinke ein Ginger Ale und habe nebenbei meinen Laptop offen.

*räusper* „Entschuldigung,… Entschuldigung. Eine Frage was kostet der Laptop?“

Ich blicke langsam hoch. „Tut mir leid, dass weiß ich nicht. Das Gerät wird mir von der Firma zur Verfügung gestellt.“ – Schon bin ich wieder in meiner Zeitung verschwunden.

Der Herr bestellt noch ein Weizen. Der Kellner bringt es. Nebenbei dudelt Musik aus den 50ern.

„Der Dean Martin…“

Ich wende mich widerwillig dem Störenfried zu: „Wie bitte?“

„Der Dean Martin singt dieses Lied. Kennen Sie den?“

Ich flunkere: „Nein, tut mir leid. Ich bin nicht einem Dean Martin bekannt.“

„Jeder kennt Dean Martin. Das gibt es nicht.“

Ich tauche wieder in der Zeitung unter. Wieder ein Weizen.

„Es gibt jetzt schon Autos die haben 540 PS. Da muss man aufpassen, wenn man losfährt.“

„Aha.“

„… und dann gibt es ein Auto mit 1200 PS. Das heißt Hercules. Da kann man aber nur mehr geradeaus fahren, weil man nicht mehr lenken kann“

„Aha“

Ich rufe den Kellner und zahle. Er diskutiert mit dem Kellner, ob noch ein weiteres Weizen seiner Gesundheit zuträglich ist.

Diese Form der Kommunikation ist mehr als flüssig. Überflüssig. Im Landgraf pflegen wir einen effizienteren Kommunikationsstil. Mehr als fünf Worte sind in der Regel nicht erforderlich, um den Gang der Welt zu erläutern.

das landgraf ist tot. es lebe das landgraf.

Landgraf_alt_christian_rois

Intime Kenner der roisschen Seele sind sich seit geraumer Zeit sicher, dass ich nicht in einem Krankenhaus, sondern in einem Kaffeehaus zur Welt kam. Nicht in irgendeinem Kaffeehaus, sondern im Cafe Landgraf. Dieses im Linzer (Nobel-)Stadtviertel Urfahr nebst dem Ars Electronica Center gelegene Kaffeehaus ist Ort der Muse, der Menschenbeobachtung und der Reflexion für mich. Hinter einer eindrucksvollen Jugendstilfassade befindet sich ein großzügiger, heller Gastraum mit hohen Decken. Die Beleuchtung ist in der Hälfte der Höhe abgehängt. Für manchen Bar-Besucher war das früher ein Jammer, da er allzu ausgelassene Feierstunden mit Tanzeinlagen auf der Bar von Anfang an verhinderten. Abgesehen davon: ein wenig zu zurückhaltend wäre man im Landgraf im Allgemeinen doch dafür gewesen.

Das Landgraf war eine Mischung aus betonter Weltläufigkeit, Stolz auf Service-Qualität und breites Sortiment. Kubanische Zigarren, moderne österreichische Kunst aus den 70ern, hervorragendes Personal angeführt von Alfred Koppler (Barmann des Jahres 1999), ein Sortiment, das viel zu prahlerisch und betriebswirtschaftlich tatsächlich Wahnsinn war. Noch verrückter waren allerdings die neben diesen Getränken angeführten Preise. Sie waren der in Zahlen gegossene Anspruch des Landgrafs auf einen Spitzenplatz in der gastronomischen Liga. In den 90ern des vorigen Jahrhunderts war es wohl ein Lichtblick in der gastronomischen Wüste Linz.

Doch der Niedergang des Landgrafs zeichnete sich ab. Kein Sonntag mehr. Immer öfter ein Wechsel der Speisekarte. Barmänner kamen und gingen. Neue Pläne wurden gewälzt und immer nur ansatzweise umgesetzt. Der Wirt fühlte sich unverstanden. Eines Tages verschwanden die Gemälde, … Konkurs. Notbetrieb.

Dabei war es doch spannend gewesen hier stundenlagn am Kaffeehaustisch zu sitzen und zu beobachten. Über die Jahre wurde die Szenerie immer vertrauter. Der Gastronom und sein wechselvolles Schicksal und seine mindestens ebenso wechselvollen Plänen, welche wiederum das wechselvolle Schicksal gleichzeitig verursachten und von diesem Schicksal eben immer wieder inspiriert wurde… Die Barmänner und natürlich auch Barfrauen. 

Dann gab es da noch die Gäste. Der graumelierte Mann, der seine Gattin verloren hatte und dessen Tagesrhytmus sich so eingependelt hatte, dass er zweimal am Tag seinen Kaffee im Landgraf zu sich nahm. Zur Verzweiflung der Tageskellner immer am Tisch 14. Dieser Platz mußte immer reserviert gehalten werden. In einem täglichen Kampf mit der Tageskellnerin wurde dieser Platz auch verteidigt. Der großgewachsene, ältere Herr der als einziger, weiterer Gast das Recht hatte sich auch an den Tisch 14 zu setzen. Jeder seiner Landgraf-Besuche endete mit einer kurzen Reflexion mit dem stets schlecht gelaunten Ober-Kellner über die Leistungen im letzten LASK-Spiel. Der Alt-Bürgermeister Professor Hugo Schanovsky, der hier im Landgraf bei einem Kaffee und der Frankfurter Allgemeinen wohl so manche Skizze für seine Bücher erstellte. Wir Stammgäste haben niemals miteinander gesprochen. Man nahm sich wahr und respektierte sich in splendid Isolation.

Nun war das Landgraf geschlossen. An der Türe klebte nach dem Besitzerwechesel ein Zettel, der eine Eröffnung in kürzester Zeit versprach. Zwei Monate zogen ins Land. Ab und an spazierte ich am Lokal vorbei und lugte durch die verklebten Fenster. Es schien sich nichts zu verändern.

Eines Tages aber entwickelte sich wieder Leben. Plötzlich wurde bis spät in der Nacht gebohrt und gehämmert. Seit drei Wochen ist nun wieder offen. Neue Karte – eine moderne Küchenlinie – am Samstag wieder offen – aber nur mehr Kaffeehaus ohne Barbetrieb: „Das müssen die Leute erst lernen“ sagt die neue Bar-Chefin.

In der ersten Woche sitze ich zweimal im Landgraf. „Schade eigentlich, dass die anderen Stammgäste sich scheinbar neue Lokale gesucht haben“ denke ich mir. Eine weitere Woche vergeht, neue Gäste kommen ins Landgraf. In der dritten Woche sitze ich gerade bei meiner Zeitung da meint jemand: „Langsam kommen wieder alle.“ Der LASK-Experte sitzt am Nebentisch und lächelt zufrieden. Am Tag danach werde ich wieder angesprochen: „Wie haben sie nur diese schreckliche  Landgraf-lose Zeit ausgehalten?“ der ältere Herr von Tisch 14 steht vor mir. Ich antworte: „Es war zum Verzweifeln.“ Hmmm. Scheint als wäre ich irgendwie mehr als ein Beobachter.

 PS: Nur weil es endlich einmal gesagt werden kann: Ich habe auf dieser Bar getanzt. Ein unvergleichlicher und unwirklicher Moment: Die Türen waren schon lange verschlossen, keine anderen Gäste außer meinen Freunden mehr da, die Sonne schien bereits wieder an diesem Novembertag. Die ersten Autos fuhren auf der regennassen, silbrig glänzenden Rudolfstrasse und wir tanzten.

 PPS: Es ist Samstag. Bin gerade im Landgraf. Am Nebentisch hat Professor Schanovsky gerade seine Melange ausgetrunken und ist am zahlen. Das Leben ist schön.