Das präsidiale Humorpotential – ein Vorausblick

Nachdem wir letzte Woche den internationalen Vergleich gezogen haben, wird es wohl langsam Zeit auch die „Heimat“ zu betrachten, die hier so eifrig umworben wird. Den Plakat nach zu urteilen, hat der eine Kandidat das Gefühl, das man für die Heimat aufstehen müsse, weil sie uns jetzt brauche. Angesichts der Überalterung unserer Gesellschaft und der wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen ein sehr löbliches Anliegen, wenn man in der Straßenbahn Richtung Zukunft aufsteht für die alte Dame Austria. Allerdings bräuchten wir eher einen TGV, statt einer Straßenbahn. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der andere Kandidat ist sich der Fragilität der „Heimat“ auch sehr bewusst. Wurde in der ersten Phase der Kampagne noch „Heimat braucht Zusammenhalt“ plakatiert, stellt sich die Kampagne der Gefahr des Zerfalls in der zweiten Phase durch den Mahnspruch „Wer unsere Heimat liebt, der spaltet sie nicht“ entgegen. Nur leider: Da ist er auch schon wieder – der Zeigefinger.
Transaktionanalytisch kämpft hier das belehrende „Eltern-Ich“ mit dem „trotzigen Kinder-Ich“. Das wird vermutlich ziemlich ins Auge gehen, da der artige, jugendlich wirkende Straßenbahnfahrer eher dem Archetyp des „braven Kinder-Ichs“ entspricht.

Das man mit dem Zeigefinger auch Humorvolles vollbringen kann, hat übrigens Herr van der Bellen selbst schon vor Jahren demonstriert:

PS: Falls sich jemand fragt, warum die beiden Kandidaten vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Polarisierung so erfolgreich sein konnten und andere Kandidaten trotz Tapferkeit und Mut es nicht weiter schafften, dann empfehle ich das Buch „Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht “ von Elisabeth Wehling. Ich durfte im Sommer einen Workshop bei ihr im Rahmen des europäischen Forums Alpbach besuchen. Seither wundert mich nichts mehr, außer weshalb die linguistischen Überlegungen von George Lakoff und Elisabeth Wehling nicht schon längst von allen umgesetzt werden…