politik-organisationen und westernstädte im permanenten high-noon

 

Politische Fachberatung führt zu immer mehr „mehr vom gleichen“ statt zu neuen Impulsen.
Die „Politikberatung“ hat in unseren Breiten eine Schlagseite: sie konzentriert sich auf die Strategie-Beratung. Das Ziel all dieser Beratungen: Mehr Stimmen bei der nächsten Wahl.
Ich verteufle das nicht, weil es auch wichtig und notwendig ist, das eine Partei um Stimmen wirbt. Dramatisch wird es nur dann, wenn die Politik dadurch vollends blind wird. Blind wird dafür, dass eine Partei auch eine Organisation ist, die eine adäquate Struktur und ein lebendige Kultur braucht, um langfristig bestehen zu können und den Kontakt zum Wahlvolk nicht zu verlieren.

Im modernen, systemisch-orientiertem Management sucht man nach Balance zwischen den Erfordernissen von Strategie – Struktur und Kultur (siehe etwa: http://www.kraus-und-partner.de/downloads/1709_dreieck-struktur-kultur-strategie.pdf). Das ist nicht einfach und ein recht komplexer Ansatz. Gleichzeitig: wir leben in einer komplexen Welt. Wer tiefgreifende Veränderungen in Organisationen durchführen will, der muss sich der Komplexität auch stellen.

In der Politik ist man da noch ein Jahrzehnt zurück. Der Management-Spruch: „Structure follows Strategy“ ist das einzige was den Politikmanagern einfällt. Die Struktur muss sich nach der Strategie richten. Und weil Strukturveränderungen in der Politik so schwierig sind, konzentriert man sich dann doch lieber wieder auf das kurzfristige: auf die Strategie, die Taktik und auf die Farbauswahl für das nächste Werbegeschenk.

Dabei ist Politikmanagement gerade dann effektiv, wenn es gelingt alle drei Dinge zu synchronisieren. Wenn Strategie, Struktur und Kultur zusammenspielen. Das heißt aber leider auch, dass wir in der Politik eine andere Fehlerkultur benötigen. Fehler müssen erlaubt sein. Sie müssen aber auch Konsequenzen haben können und das geht nur dann, wenn man beruflich gesehen unbeschädigt aus der Politik aussteigen kann. Der von Journalisten immer wieder vorgebrachte Vorwurf der mangelnden Verantwortungskultur von Politikern hat eine hässliche Nebenseite: Zeigen Politiker Verantwortung und treten zurück, beginnt das Hexentreiben erst recht: Steigen Politiker in Managementjobs um, dann ist schnell der Vorwurf der Günstlingswirtschaft bei der Hand. Findet die betroffene Person jedoch monatelang keinen Job, dann hüte sie sich soziale Sicherungssysteme in Anspruch zu nehmen….

Aus all diesen Faktoren heraus wirkt die Politik für die Zuseher dann so:  

Schöne Fassaden und Werbeprospekte – doch dahinter: Leere. Westernstädte. Die Schauspieler marschieren breitbeinig aus dem Saloon (der hinter der Fassade nicht existiert), überfallen die Bank (deren Tresore aufgemalt sind) oder werden vom Sheriff eingesperrt in ein Gefängnis (aus Karton). Die Politik erschöpft sich in der Ankündigung und im Symbolischen. Sie unterliegt damit dem Missverständnis, das Prozesse mit symbolhaften Handlungen abgeschlossen werden, doch ohne den Prozess davor hat das Symbol alleine keine Kraft. 

 

Wie konnte das passieren? Wieso setzen die Politikmanager immer nur die Strategiebrille auf und sehen nicht dahinter?

 

Würde man zwei Augen zur Verfügung haben, dann wäre dreidimensionales Sehen endlich möglich! Es wäre deutlich, wo lediglich Wunschdenken, Politsprech und Blabla regiert und wo eine ganzheitliche Verbundenheit mit Umfeld – Wahlvolk – Parteimitglied – Parteiprogramm herrscht und wo lediglich Fassaden zur Verschleierung aufgestellt werden:

 

Doch das zweite Auge wird allzu gerne überklebt. Nachhaltigkeit war in der Karriereplanung bisher ebenso wie Dankbarkeit kein besonders wichtiger Faktor. Daher verzichtet man hier allzu gerne auf einen offenen Zugang und die damit verbundene Mühsal. Doch ohne eine stringente Kultur und Struktur ist eine politische Organisation mittelfristig dem Untergang neben neuen, schneller agierenden Kräften geweiht. Die durch die neuen medialen Möglichkeiten geschaffene Transparenz bringt das System Politik immer stärker unter Druck und führt die tradierten Strukturen und Kulturen unter Druck. Wer will heute ernsthaft behaupten, dass die traditionellen Funktionen (Schriftführer, Kassier, Obmann + Stellvertreter) die Erfordernisse einer Aufgabenteilungen in modernen Organisation wiederspiegelt? Wer will ernsthaft behaupten, dass die Ochsentour von Gemeindeebene über den Bezirk hinauf ins Land und in die Bundesebene die Besten und nicht vorrangig die Bestangepassten voran bringt? Wer will behaupten, dass politsche und politiknahe Organisationen mit modernen Arbeitsformen (Projektarbeit, virtuelle Teams, Großgruppen-Konferenzen) angesichts ihrer Strukturen und Kulturen gut harmonieren?

Es ist billiger Westernstädte (Potemkimsche Dörfer) zu errichten und zu pflegen, statt an die Wurzeln zu gehen. Veränderungsbereite kämpfen jedoch auch mit einem weiteren Problem: 

Die Strukturen im politiknahen Bereich begünstigen keine Teamplayer. Paradoxerweise ist Netzwerken und Tauschhandel individuell sehr effektiv. Aber das ist eben Kooperation im Sinne von einzelnen Polit-Kaufleuten um der eigenen Karriere Willen und nicht im Sinne eines Teamerfolgs. Für den Wandel in die Zukunft einer politischen bzw. politiknahen Organisation ist ein eingeschworener Führungskreis ebenso erforderlich, wie die Einsicht der Basis, dass es mit den alten Kochrezepten keine Zukunft gibt. Gerade ehemals erfolgsverwöhnte Organisationen benötigen Jahre (und  manchmal etliche Wechsel an der Spitze), bis sich diese Erkenntnis durchsetzt. 

Als notorischer Optimist bin ich der festen Überzeugung, dass sich die sich auftuende Kluft zwischen politischen Organisationen und BürgerInnen wieder schließen wird. Organisationen, die ihre große Krise (etwa der ÖGB, der sich einer intensiven Kultur-Debatte stellen musste und organisatorisch neu aufstellt) mit einem großen Knall erleben mussten, sind dabei tendenziell gegenüber Organisationen, die scheibchenweise Legitimation (von Wahlgang zu Wahlgang) verlieren im Vorteil. Wird die Lücke jedoch nicht von den Institutionen geschlossen, dann werden andere Kräfte in das Vakuum vorstoßen. Durch die sozialen Medien ist es unglaublich leicht eine Massenbewegung zumindest für mehrere Wochen aufrecht zu erhalten (die rechtskonservative Tea-Party-Bewegung gegen Obama in den USA, die Studentenproteste und Lichterketten in Wien, die spontanen Demos im SVA-Ärztekammer-Konflikt). Wenn es gelingt diese Kräfte mit mehr organisatorischer Stoßkraft (Entscheidungs- und Organisations-Strukturen) sowie einer Vision jenseits eines einzelnen Themas zu geben, dann werden wir noch so manche Götterdämmerung und eine lebendigere Demokratie (mit allen Vor- und Nachteilen) erleben.

 
 
 

 

 

 

 

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