der kapitalismus ist tot. es lebe der kapitalismus.

Der Kapitalismus scheint in einer tiefen Krise angekommen zu sein. Zur immer deutlicher werdenden moralischen Krise kommt nun die funktionale Krise. Die ewige Maschine, die Milch und Honig fließen ließ scheint ins Stottern geraten zu sein. Eben noch unterhielten wir uns über „Corporate Social Responsibility“. Also über die Verantwortung der Unternehmen für eine Gesellschaft, die mit immer ungläubigerem Staunen die immer imposanteren Gewinne und Vergütungen der Manager beobachtete.

Schnell waren da auch die vermeintlich richtigen Etiketten bei der Hand. Unter dem Begriff „Neo-Liberalismus“ wurde alles, was moralisch verwerflich erschien oder kaum verstehbar war, zusammengefaßt. Dabei hatten wir doch das gleiche Wirtschaftssystem wie zuvor als Demokratie, Menschenrechte und freie Marktwirtschaft noch vereint gegen den Dämonen der kommunistischen Unfreiheit und seine tölpelhafte Sklavin, die Planwirtschaft kämpften.

Eben noch drohten wir in eine Sinn-Krise zu stolpern. Doch nun: die reale Krise. Ein so genannter „schwarzer Schwan“ hat zugeschlagen. Ein sehr unwahrscheinliches Ereignis mit extremen Auswirkungen. Die herkömmlichen Risikomodelle erfassen diese Ereignisse zu wenig. Diese Risiken waren und sind nicht eingepreist, weil sie sich einfach nicht „schön“ rechnen lassen. Diese Krise des Kapitalismus ist also vor allem eine Krise der versagenden Experten und der Schönwetter-Kapitäne. Sie haben versagt, wie sie auch vor dem letzten großen Börsencrash 1987 versagt haben, wie sie meist vor den großen Krisen versagt haben.

Das Wesen des Kapitalismus ist nun einmal die scheinbar zufällige Zertrümmerung und der laufende Neubeginn. Je größer die Wirtschafts-Einheiten nun werden, je mächtiger die internationalen Konzerne sich zu scheinbar unsinkbaren Schlachtschiffen entwickelten, desto gefährlicher wurden die Eisberge, die der Unsinkbarkeit ein rasches Ende bereiten können.

Wie auch immer – als Schlußfolgerung bleibt vor allem eines: Das wilde Tier des Zufalls in mathematische Ketten einzusperren, ist keine Absicherung, sondern eine Gefahr. Den die Experten und die Manager verliessen sich blind auf diese Instrumente, da die ewig fließende Gewinne bei „kontrolliertem“ Risiko suggerierten. In einfachen Worten: Die modernen Instrumente des Risikomanagements hatten die gleiche Wirkung wie ABS, Sicherheitsgurt und ESP bei einem notorischen Schnellfahrer: er fährt noch schneller und kracht mit noch größerer Geschwindigkeit gegen den nächsten Baum.

Wenn der Kapitalismus nun aber doch nicht lebensunfähig und bankrott ist, was bringt dann die Krise? Nach der österreichischen Schule der Nationalökonomie ist eine Krise ja nun nur ein Teil der schöpferischen Zerstörung. Es gibt neue Verteilungen, neue Reiche und neue Arme. Es gibt eine rapide Beschleunigung in manchen Bereichen und unerwartete Entschleunigung in anderen. Unangenehmes wird deutlich angesprochen werden. Arbeitsplätze in der Produktion werden vernichtet. Wenn Sie eines Tages wieder neu geschaffen werden, dann vermutlich in Ländern mit billigeren Lohnkosten
Vielleicht bringt uns die Krise aber auch die Möglichkeit eine „Neu-Bewertung“ vorzunehmen. Zum Beispiel damit zu beginnen dem Geld nur mehr die Bedeutung zu geben, die ihm auch zusteht, aber nicht mehr. Dem Geld nicht mehr die Macht über unseren Wert als Mensch geben. Das ermöglicht Freiheit. Die Freiheit für jeden einzelnen mit weniger Geld auszukommen ohne an Selbstwert zu verlieren.  

Das ermöglicht Entschleunigung. Wir schießen serienweise High-Potentials in den Burn-Out. Die Gründe dafür: dauernde Erreichbarkeit, überhastete Entscheidungsfindung und ein Verzicht auf eine Unterscheidung zwischen dem Wesentlichen und dem Un-wesentlichen. Was haben wir davon, wenn wir lauter Schwerverletzte am Schlachtfeld des Wirtschaftsleben zurück lassen?
Als Lösung haben viele bislang nur ein „more of the same“ parat: Findige Fachberater helfen bei der Optimierung und Dauer-Beschleunigung. Gleichzeitig wundern sie sich über die Heere von überforderten Menschen, die Hilfe suchen. Wegen einer Schwäche, die jenseits der Behandelbarkeit durch probiotische Joghurts und Ayuerveda-Massagen, angesiedelt ist. Eine Schwäche des Körpers, der schlichtweg von der Geschwindigkeit des modernen Lebens überfordert ist und eine Schwäche des Geistes, der mit der sinnentleerten Dauerbeschleunigung nicht zurecht kommen kann. Das Resultat: Moralische Werte gehen zum Teufel. Selbst Theologie-Studenten sind vor der Beschleunigungsfalle nicht gefeit (http://www.psychologie-heute.de/editorials/heft0901.html)

Der Kapitalismus wird sich erholen. Nützen wir die Chance unsere Einstellungen zu überdenken:
Daher: Mehr Zeit zum Durchatmen.
Daher: Den Wert von Menschen nicht in Geldeinheiten bemessen.
Daher: Dem wirtschaftlichen Erfolg einen gewichtigen Platz im Leben einräumen, aber nicht den wichtigsten.

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