das landgraf ist tot. es lebe das landgraf.

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Intime Kenner der roisschen Seele sind sich seit geraumer Zeit sicher, dass ich nicht in einem Krankenhaus, sondern in einem Kaffeehaus zur Welt kam. Nicht in irgendeinem Kaffeehaus, sondern im Cafe Landgraf. Dieses im Linzer (Nobel-)Stadtviertel Urfahr nebst dem Ars Electronica Center gelegene Kaffeehaus ist Ort der Muse, der Menschenbeobachtung und der Reflexion für mich. Hinter einer eindrucksvollen Jugendstilfassade befindet sich ein großzügiger, heller Gastraum mit hohen Decken. Die Beleuchtung ist in der Hälfte der Höhe abgehängt. Für manchen Bar-Besucher war das früher ein Jammer, da er allzu ausgelassene Feierstunden mit Tanzeinlagen auf der Bar von Anfang an verhinderten. Abgesehen davon: ein wenig zu zurückhaltend wäre man im Landgraf im Allgemeinen doch dafür gewesen.

Das Landgraf war eine Mischung aus betonter Weltläufigkeit, Stolz auf Service-Qualität und breites Sortiment. Kubanische Zigarren, moderne österreichische Kunst aus den 70ern, hervorragendes Personal angeführt von Alfred Koppler (Barmann des Jahres 1999), ein Sortiment, das viel zu prahlerisch und betriebswirtschaftlich tatsächlich Wahnsinn war. Noch verrückter waren allerdings die neben diesen Getränken angeführten Preise. Sie waren der in Zahlen gegossene Anspruch des Landgrafs auf einen Spitzenplatz in der gastronomischen Liga. In den 90ern des vorigen Jahrhunderts war es wohl ein Lichtblick in der gastronomischen Wüste Linz.

Doch der Niedergang des Landgrafs zeichnete sich ab. Kein Sonntag mehr. Immer öfter ein Wechsel der Speisekarte. Barmänner kamen und gingen. Neue Pläne wurden gewälzt und immer nur ansatzweise umgesetzt. Der Wirt fühlte sich unverstanden. Eines Tages verschwanden die Gemälde, … Konkurs. Notbetrieb.

Dabei war es doch spannend gewesen hier stundenlagn am Kaffeehaustisch zu sitzen und zu beobachten. Über die Jahre wurde die Szenerie immer vertrauter. Der Gastronom und sein wechselvolles Schicksal und seine mindestens ebenso wechselvollen Plänen, welche wiederum das wechselvolle Schicksal gleichzeitig verursachten und von diesem Schicksal eben immer wieder inspiriert wurde… Die Barmänner und natürlich auch Barfrauen. 

Dann gab es da noch die Gäste. Der graumelierte Mann, der seine Gattin verloren hatte und dessen Tagesrhytmus sich so eingependelt hatte, dass er zweimal am Tag seinen Kaffee im Landgraf zu sich nahm. Zur Verzweiflung der Tageskellner immer am Tisch 14. Dieser Platz mußte immer reserviert gehalten werden. In einem täglichen Kampf mit der Tageskellnerin wurde dieser Platz auch verteidigt. Der großgewachsene, ältere Herr der als einziger, weiterer Gast das Recht hatte sich auch an den Tisch 14 zu setzen. Jeder seiner Landgraf-Besuche endete mit einer kurzen Reflexion mit dem stets schlecht gelaunten Ober-Kellner über die Leistungen im letzten LASK-Spiel. Der Alt-Bürgermeister Professor Hugo Schanovsky, der hier im Landgraf bei einem Kaffee und der Frankfurter Allgemeinen wohl so manche Skizze für seine Bücher erstellte. Wir Stammgäste haben niemals miteinander gesprochen. Man nahm sich wahr und respektierte sich in splendid Isolation.

Nun war das Landgraf geschlossen. An der Türe klebte nach dem Besitzerwechesel ein Zettel, der eine Eröffnung in kürzester Zeit versprach. Zwei Monate zogen ins Land. Ab und an spazierte ich am Lokal vorbei und lugte durch die verklebten Fenster. Es schien sich nichts zu verändern.

Eines Tages aber entwickelte sich wieder Leben. Plötzlich wurde bis spät in der Nacht gebohrt und gehämmert. Seit drei Wochen ist nun wieder offen. Neue Karte – eine moderne Küchenlinie – am Samstag wieder offen – aber nur mehr Kaffeehaus ohne Barbetrieb: „Das müssen die Leute erst lernen“ sagt die neue Bar-Chefin.

In der ersten Woche sitze ich zweimal im Landgraf. „Schade eigentlich, dass die anderen Stammgäste sich scheinbar neue Lokale gesucht haben“ denke ich mir. Eine weitere Woche vergeht, neue Gäste kommen ins Landgraf. In der dritten Woche sitze ich gerade bei meiner Zeitung da meint jemand: „Langsam kommen wieder alle.“ Der LASK-Experte sitzt am Nebentisch und lächelt zufrieden. Am Tag danach werde ich wieder angesprochen: „Wie haben sie nur diese schreckliche  Landgraf-lose Zeit ausgehalten?“ der ältere Herr von Tisch 14 steht vor mir. Ich antworte: „Es war zum Verzweifeln.“ Hmmm. Scheint als wäre ich irgendwie mehr als ein Beobachter.

 PS: Nur weil es endlich einmal gesagt werden kann: Ich habe auf dieser Bar getanzt. Ein unvergleichlicher und unwirklicher Moment: Die Türen waren schon lange verschlossen, keine anderen Gäste außer meinen Freunden mehr da, die Sonne schien bereits wieder an diesem Novembertag. Die ersten Autos fuhren auf der regennassen, silbrig glänzenden Rudolfstrasse und wir tanzten.

 PPS: Es ist Samstag. Bin gerade im Landgraf. Am Nebentisch hat Professor Schanovsky gerade seine Melange ausgetrunken und ist am zahlen. Das Leben ist schön.

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