hexenverbrennung

Dieser Blog hat den Untertitel „Kampf dem Hausverstand“. Wir täuschen uns nämlich oft. Weil wir über ganz entscheidende Dinge ganz wenig wissen und wir uns leicht täuschen lassen. Es gibt aber auch viele die daran gut verdienen, dass wir falsch informiert sind.

Keine Angst – ich wälze hier keine Verschwörungstheorien. Aber da gibt es doch einige Dinge, die wir unreflektiert immer wieder nachplappern und die von schlecht recherchierenden Journalisten auch immer weiter verbreitet werden. Manche Dinge werden zu kollektiven Mythen. Nehmen wir zum Beispiel die Geschichte der Hexenverbrennung und der Inquisition.

Wie oft wird am Rande einer Diskussion im Freundeskreis recht dramatisch und in anklagendem Ton berichtet, daß im Mittelalter eine männlich dominierte Gesellschaft Millionen von heilkundigen Frauen brutal hingerichtet hätte. Die Kirche hätte mit der Inquisition diese Entwicklung tatkräftig vorangetrieben.

Bei den meisten Parties mache ich mich dann recht unbeliebt, wenn ich einige Dinge versuche zu ergänzen. Ich traue mich ja gar nicht mehr zu schreiben, dass ich etwas richtig stelle. 🙂

  • Erstens: im Mittelalter gab es kaum Hexenverfolgungen.  Die starteten erst so richtig in der Neuzeit.
  • Zweitens: so furchtbar all diese unschuldigen Opfer waren -es waren keineswegs mehrere Millionen, sondern nach aktueller Forschung 40.000-60.000 Personen.
  • Drittens: auch wenn ein größerer Teil der Verfolgten Frauen waren (Schätzungen gehen von 60 % – 75 % aus) gab es doch Landstriche mit überwiegender Verfolgung von Männern – etwa in Island mit 80% (siehe Wikipedia Eintrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Hexenverbrennung). Im heutigen Staatsgebiet von Österreich war man in Tirol am eifrigsten bei den Hexenverbrennungen. Dort war das Verhältnis der Opfer nach Geschlechtern übrigens ausgewogen (http://www.storicamente.org/05_studi_ricerche/streghe/rabanser.htm)
  • Viertens: die Inquisition hatte vordringlicherweise andere Fragen zu klären. Sie beschäftigte sich ursprünglich gar nicht mit Hexerei, sondern verfolgte vor allem Abspaltungen der katholischen Kirche. Natürlich gab es auch Inquisitioren, die Hexen verfolgten. Wer das furchtbare „malleus maleficarum“ besser bekannt als „Hexenhammer“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Hexenhammer) gelesen  hat, muss den Eindruck gewonnen haben, dass die Inquisition hinter vielen Hexenprozessen steckte. Schliesslich wurde es von zwei Dominikanermönchen verfasst. Stimmt aber nicht ganz. Wurde von einem frustrierten Inquisitor geschrieben, der eben von „oben“ kein ok für eine Hexenverfolgung bekommen hatte. Erst später wurden die Autorenschaft den beiden Mönchen untergeschoben, um dem Pamphlet mehr Gewicht zu verleihen.
    Generell war die Inquisition mit den Hexen relativ zurückhaltend. Es mag zynisch klingen: Ohne Inquisition wurden der Hexerei verdächtige Personen meist kurzerhand vom Pöbel gelyncht. Mit Inquisition hatte man wesentlich bessere Chancen auch mit einer Kerkerhaft oder einer milderen Strafe davonzukommen. Man kann durchaus auch den Eindruck gewinnen, dass die Kirche die Inquisition teilweise einsetzte, um die Angeklagten vor Selbstjustiz zu schützen. Wer es nicht glaubt, kann nachhören: „Ö1 – betrifft Geschichte: Geschichte der Hexenverfolgungen“: http://static.orf.at/podcast/oe1/oe1_geschichte.xml.

„Tja“, mag der eine oder andere seufzen. „Na gut, dann waren die Hexenverbrennungen eben nicht ganz so zahlreich. Aber im Grunde leben wir in gewaltsamen Zeiten und immer schneller sterben immer mehr Leute, weil diese Welt immer brutaler, rücksichtsloser und gefährlicher wird.“ Hmmm. Zu diesem Thema hat Steven Pinker auf der TED Conference vergangenes Jahr eine faszinierende Rede gehalten: http://www.ted.com/index.php/talks/view/id/163

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