portugal vs türkei

Gestern hat in der Schweiz Portugal gegen die Türkei gespielt. Endstand 2:0
Für viele europäische Fußballfans war es das erste Spiel eines Top-Favoriten um den Europameister-Titel. Für viele Österreicher war es eine unangenehme Erinnerung, dass die UEFA die Türkei zu Europa zählt.

Umgekehrt gibt es in der Türkei ein starkes Befremden über Österreichs Ablehnung eines türkischen EU-Beitrittes. Hier gehen in beiden Ländern die Emotionen hoch.

Warum gehen die Wogen nun auf österreichischer Seite hoch? Zwei Gründe: Zunächst der historische Grund. Ein Teil Österreichischen Selbstbewußtseins gründet darin, dass wir den Westen vor dem Osten beschützen. Zunächst als östliche Mark im Frankenreich. Österreich war nichts anderes als eine Schutzzone vor den Reitervölkern des Ostens. Unser kollektives Unterbewußtsein sagt: „Unsere historische Mission ist der Schutz West-Europas.“ Die Herrschaft der Habsburger und Ihre Expansionslust mag zeitlich viel länger gedauert haben als die Herrschaft der Babenberger. Für das Selbstverständnis der Österreicher war die Babenberger-Zeit prägender. An dieser Stelle mischen sich Sagenhaftes, Mythisches und historische Ereignisse. Wenn etwa der Babenberger Herzog Leopold V. an der Belagerung von Akkon im dritten Kreuzzug teilnimmt und sein blutgetränktes ursprünglich weißes Gewand zum rot-weiß-roten Landeswappen wird.

Weshalb die Debatte so hoch emotional ist? Angst. Angst die eigene Identität zu verlieren. Siege auf Schlachtfeldern errungen zu haben, darauf kann man heute eigentlich nicht mehr stolz sein. Erstens in Ermangelungen von solchen Siegen und zweitens ist es moralisch nicht schicklich. Wir haben zu viele Helden körperlich und seelisch verstümmelt aus den zwei Weltkriegen nach Hause humpeln gesehen. Ein wenig anders gelagert ist es bei lange zurückliegenden historischen Siegen. Die Schlachten des 19. Jahrhunderts waren dafür nur bedingt geeignet, da bereits sehr politische Fragen ausgefochten wurden. Wer sich hier auf eine Seite schlägt muss sich rasch fragen lassen, ob er sich nicht zu sehr national vereinnahmen lässt, zu monarchistisch, zu liberal oder sozialistisch tickt. Wie politisch unschuldig sind da doch die Türkenkriege! Weit genug weg, um die Bilder von verletzten Veteranen in den Kopf zu bekommen. Welch schönes Bild: ein mutiger Herrscher kämpft mit seinen Bauern, Handwerkern, Pfarrern und Rittern gegen den Feind. Ist halt noch ein schöner, einfacher Konflikt. Mit Helden wie Prinz Eugen, Verbündeten wie Polen-König Sobieski und vielen, vielen Helden aus dem einfachen Volk.

Abgesehen von dieser historischen Folklore gibt es noch einen zweiten Grund warum die Österreicher der Ansicht sind, dass die Türkei nicht Bestandteil Europas ist: Die Österreicher haben einen Teil der Türkei in ihrem Staat und sind der Ansicht, dass dieser Teil nicht Bestandteil Österreichs ist. Damit sind manche Regionen Wiens gemeint, Teile Vorarlbergs und einige Stadteile der österreichischen Mittelstädte. Dort passiert aus Sicht vieler Österreicher keine Integration, sondern eine Invasion, die den Charakter Österreichs verändert. Erbittert führt man hierorts einen Feldzug gegen diese Entwicklungen. An vorderster Front: Die Kronen Zeitung, die FP/BZÖ und subtil ein Teil des konservativen Klerus. 

Zunächst eine allgemeine Bemerkung zum Thema Einwanderung:
In Österreich herrscht die allgemeine Übereinkunft „Österreich ist kein Einwanderungsland. “ Zum Unwillen der meisten Österreicher ist das aber eine Illusion.

1. Historisch absoluter Schwachsinn. Wir hatten nur Dank dem Zerfall der Donaumonarchie und dem eisernen Vorhang einen verhältnismäßig langen Zeitraum von scheinbar wenig Migration.
2. Faktisch absoluter Schwachsinn. Wir sind allen Statistiken nach ein Einwanderungsland. Ob es uns passt oder nicht.

Nun zum Thema der spezifischen türkischen Migration: Warum gibt es viel weniger Ängste und Aufsehen wegen der in etwa gleich großen Anzahl der Slowenen, Kroaten und Serben in Österreich? Ist es die nähere Mentalität? Die näherstehenden religiösen Ansichten? Die viel längere Einwanderungstradition aus den Zeiten der k. u. k. Donaumonarchie? Vielleicht von allem ein bisschen. Vor allem – bei aller Kritik am kommunistischen System des untergegangenen Jugoslawiens – es gab ein funktionierendes Schulsystem.
Denn nun zum Kern des Problems: Die spezifisch türkisch-österreichische Migration unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von der scheinbar ähnlich gelagerten türkisch-deutschen Migration. Während die Deutschen für ihre weiter entwickelte Industrien gelernte Fachkräfte und Helfer aus der Türkei anwarb, haben wir Österreicher ungelernte Fachkräfte angeworben. Für Hilfstätigkeiten in der Textilindustrie und am Bau. Wo haben wir sie gefunden? In Ost-Anatolien. Dem ruralsten Gebiet der Türkei. Hier haben nur wenige Menschen eine höhere Schulbildung. Die moralischen Vorstellungen werden von einem eher islamischen Volksglauben geprägt, der nur bedingt anschlussfähig zu den Lehren moderner Imame ist. Gegen diese „alte“ Türkei richteten sich viele Reformen des Staatsgründer Atatürks. Die starke säkulare Tradition der Türkei ist nun einmal in diesem Grundkonflikt begründet.

Die Integration dieser Menschen wird vermutlich um mindestens eine Generation länger dauern als angenommen. Diese Menschen und die Straßenstriche in denen sie wohnen prägen unser Bild von der Türkei. Sie repräsentieren sie aber nicht. Das Burgenland ist nicht Österreich. Es ist auch Österreich, aber nicht ganz Österreich. Das Mühlviertel ist nicht Oberösterreich. Es ist auch Oberösterreich, aber nicht ganz Österreich. Nordirland ist nicht Großbritannien. Es ist auch Großbritannien, aber nicht ganz Großbritannien.

Ansonsten hätte das gestrige Match Estramadura VS Ost-Anatolien lauten müssen. Da hätten sich die Portugiesen dann vermutlich schwerer getan. 😉

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