Der Respekt des Jägers …

Kinderbücher machen die Kinder angeblich schlauer und bereiten sie pädagogisch auf das Leben vor. Ich durfte als Kind viele, viele Kinderbücher lesen und sehr, sehr viele Bücher wurden mir auch vorgelesen.  So weiss ich also Bescheid über „das kleine ich-bin-ich“, das Indianer-Epos „kleiner Bruder Watomi“, den Räuber Hotzenplotz und heute pädagogisch verdammte Werke aus der Sammlung der Gebrüder Grimm. Unlängst flatterte mir die Verständigung zur Abholung eines Paketes in meiner nächst gelegenen Postfiliale ins Haus. Am Samstagvormittag um 08:30 und damit eine halbe Stunde zu früh stand ich vor der Postfiliale. Kurzfristig beschliesse ich noch im neben an gelegenen Kaffeehaus zu frühstücken. Das SchlemmerFrühstück um 3,80 € umfasst einen Kaffee, einen Orangensaft, zwei Semmeln, Käse, Schinken, Butter, ein Ei und eine kleine Streichwurst.  Wenig später bin ich wirklich schon sehr satt. Nur mehr die kleine  Streichwurst  und eine Semmelhälfte ist noch übrig. Diese winzigen Streichwürste faszinieren mich schon seit jeher. Insbesondere seit ich entdeckt habe, dass Sie meist in Hotels der gehobeneren Kategorie in Körben an Frühstücksbuffets angeboten werden.  Das sind meist dieselben Hotels, deren Umweltbewußtsein sehr ausgeprägt ist. So ausgeprägt, dass es sich darin ausdrückt, dass der Gast den Wunsch nach Reinigung der Handtücher auf seinem Zimmer nur durch das auf den Boden werfen  derselben Ausdruck verleihen kann.  Manchmal überlege ich, ob ich in Hotelrestaurants in Hinkunft einfach meine Teller und Gläser am Ende einer Mahlzeit auf den Boden stellen soll, um zu verdeutlichen, dass eine Reinigung dieser Gegenstände angebracht ist, bevor sie für den nächsten Gast verwendet werden…Wie dem auch sei: Ich drehe also an einem Ende der Streichwurst an der Metallklammer. Diese Technik bewährt sich bei mir immer. So löst sich dann normalerweise die Wursthaut ab der Metallklammer und ich komme zum Inhalt. Normalerweise. Doch diesmal – keine Veränderung der Streichwurst. Stattdessen hatte ich bereits schwarze Abfärbungen der Klammer und der Verpackung auf meinem Daumen und Zeigefinger.  Ein neuer Versuch – die Wursthaut schien unter Spannung.  Doch statt sich Öffnen zu lassen, drohte die Streichwurstverpackung als ganzes zu platzen. Etwas irritiert legte ich einen kurzen Moment die Streichwurst zur Seite. Eigentlich hatte ich ja gar keinen Hunger mehr. „Ein Indianer hat Respekt vor seiner Beute. Wenn sie sich zu sehr widersetzt, so läßt der Jäger Sie entkommen.“ so oder so ähnlich hatte doch der große Indianerbruder es dem kleinen Indianerbruder erklärt. Ich empfand also Respekt vor der kleinen Streichwurst und beschloss sie Entkommen zu lassen.

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